"Erfahrungsbericht über meinen Einsatz als Grundschullehrer in Kambodscha"

(von David Löw/14.04.2014)

Ein halbes Jahr habe ich im Rahmen meines Freiwilligendienstes in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh verbracht, wo ich im Seametrey Children’s Village unterrichtet habe. Seametrey, bestehend aus einem Kindergarten und einer Schule, ist eine als NGO registrierte gemeinnützige Organisation. Seametrey hat sich soziale und kulturelle Integration zum zentralen Gedanken gemacht: hier werden sowohl Kinder aus sozial-ökonomisch benachteiligten Verhältnissen als auch Kinder aus wohlhabenderen Familien aufgenommen und unterrichtet. Die Höhe der zu entrichtenden Schulgebühren wird dem sozialen Status angeglichen. Kinder aus armen Familien zahlen also weniger als Kinder aus reichen Familien. Auf diese Art und Weise soll qualitative Bildung einer möglichst großen Zielgruppe zugänglich gemacht werden. Dieses Konzept macht die Einrichtung einzigartig in Phnom Penh und Kambodscha.

 

 Die Schule deckt die Jahrgangsstufen eins bis sieben ab. Die Schule ist bilingual, d.h. der Unterricht findet sowohl in der Landessprache Khmer als auch in Englisch statt. Die Freiwilligen arbeiten neben festangestellten kambodschanischen Lehrkräften. Dabei übernehmen die Freiwilligen aber nicht nur den klassischen Englischunterricht, sondern unterrichten auch Fächer wie Mathematik, Naturwissenschaften, Geographie und aktuelle Nachrichten (Current Affairs) in englischer Sprache. Darüber hinaus wird an der Schule Französisch unterrichtet. Sport, Kunst und Computerunterricht stehen auch auf dem Stundenplan. Ebenso werden die Freiwilligen für wenige Stunden pro Woche zur Kinderbetreuung im Kindergarten eingesetzt.

Die Kinder beginnen bereits sehr früh mit dem Erlernen der englischen Sprache. Unterricht und Kommunikation in Englisch sind feste Bestandteile im Tagesablauf des Kindergartens, was zur Folge hat, das die (meisten) Schüler sehr sicher im Umgang mit der englischen Sprache sind und der Unterricht demzufolge auf einem recht hohen Niveau abgehalten werden kann. Freiwillige sollten deshalb sehr sicher im Umgang mit der englischen Sprache sein.                    

Gemeinsam mit mir haben Freiwillige aus den USA, Kanada, Australien, Frankreich und Schweden unterrichtet. Die Einsatzdauer der Freiwilligen beträgt in der Regel min. einen Monat, max. ein Jahr. Der Unterricht beginnt um acht Uhr morgens und endet in der Regel um 16 Uhr nachmittags. Dazwischen gab es aber teils längere Pausen, die der Unterrichtsvorbereitung dienen sollen. Im Durchschnitt standen sechs bis acht Unterrichtsstunden (einschließlich Kinderbetreuung im Kindergarten) pro Tag auf meinem Stundenplan.

Ich habe in der Jahrgangsstufe fünf Englisch, Current Affairs und Geographie unterrichtet, in den Jahrgangsstufen sechs und sieben Englisch. (Die Sechst- und Siebtklässler besuchen neben Seametrey auch eine staatliche Schule, um dort einen anerkannten Abschluss zu erreichen.)

Der Englischunterricht setzt sich aus den Komponenten Reading, Writing und Speaking/Listening zusammen. Das gemeinsame Lesen von Lektüren oder das selbstständige Verfassen von Geschichten (creative writing) gehören zum Unterricht. Das Fach Current Affairs richtet sich nach den aktuellen Geschehnissen in Kambodscha und auf der Welt. Immer wiederkehrendes Thema war die gegenwärtig sehr angespannte politische Lage in Kambodscha (siehe unten), die zu lebendigen Diskussionen im Klassenzimmer geführt hat. Unterrichtsmaterial ist in der Schule in begrenzter Weise vorhanden, z.B. gibt es eine kleine Bücherei oder für den Geographieunterricht steht Kartenmaterial zur Verfügung. Deutschunterricht sieht der Lehrplan zwar nicht vor, die Schüler haben sich aber trotzdem über ein paar gelegentliche Minuten Deutschunterricht gefreut.

Ich habe auch mehrere Stunden pro Woche im Kindergarten gearbeitet und mehrere der festangestellten kambodschanischen Lehrkräfte in Englisch unterrichtet. Die Schule bietet zudem Khmer-Unterricht für alle Freiwilligen an. Gerade die Schüler freuen sich sehr, wenn man ein paar Worte in ihrer Sprache mit ihnen wechselt.

Die meisten Freiwilligen unterrichteten ausschließlich in ihrer Muttersprache. Für mich stellte das Unterrichten in einer fremden Sprache eine besondere Herausforderung dar, gerade da der Unterricht auf einem anspruchsvollen Niveau stattfand. Überhaupt hatte ich keinerlei Erfahrung im Unterrichten, aber der Umgang mit den Schülern war sehr einfach, was die Eingewöhnung leicht und schnell gemacht hat. Das Interesse der Schüler an Neuem war sehr groß und es machte Freude zu sehen, wenn sie erfolgreich Wissen anwenden konnten, das ich ihnen zuvor vermittelt habe.

Eine besondere Herausforderung während meiner Einsatzzeit war, dass es an der Schule keinen vorgeschriebenen Lehrplan gibt. Die Freiwilligen müssen den Unterricht somit fast ohne Hilfestellungen selbst vorbereiten und über einen längeren Zeitraum sinnvoll strukturieren.

Dreimal im Jahr wird in der Schule ein Theaterstück aufgeführt (je ein englischsprachiges, ein französisches und ein kambodschanisches). Im Dezember wurde das Musical „The Sound of Music“ einstudiert und aufgeführt. In der Regel sind alle Schüler an den Aufführungen beteiligt. Die Freiwilligen leiten die Proben und sind somit maßgeblich am Erfolg der Aufführungen beteiligt, die von Eltern, Freunden und Unterstützern der Schule besucht werden. 

Die Freiwilligen wohnen entweder in einer für sie vorgesehenen Wohnung oder aber gegen Aufpreis in einem der Schule angeschlossenen Gasthaus (Wohnung, Gasthaus und Schule sind räumlich miteinander verbunden). Das Gasthaus soll zur Finanzierung der Schule beitragen. An Schultagen bekommt man Mittag- und Abendessen für wenig Geld in der Schule. Das Schuljahr unterteilt sich in drei „Terms“, nach denen es jeweils längere Ferien gibt. Innerhalb der Terms gibt es aber auch freie Tage.

Schon voraussichtlich 2015 wird die Schule ca. 30 km vor die Tore Phnom Penhs umziehen. Dort wurde bereits mit einem kompletten Neubau begonnen, die erste Baustufe ist abgeschlossen und die ersten Freiwilligen unterrichten dort bereits. Mit dem Umzug vor die Stadt will man den immer höher steigenden Mietkosten und dem beschränkten Platzangebot aus dem Weg gehen.

Die Schule liegt unweit des Zentrums der kambodschanischen Hauptstadt. Das Leben in Phnom Penh gestaltet sich verhältnismäßig einfach und gerade im Vergleich zu den asiatischen Metropolen ist Phnom Penh sehr überschaubar. Zumindest im innerstädtischen Bereich, an dessen südlichen Rand die Schule liegt, ist Phnom Penh recht sauber und geordnet. Das Leben ist im Allgemeinen sehr günstig. Die Supermärkte haben auch importierte Produkte aus dem Westen im Angebot, allerdings oft zu hohen Aufpreisen. Das Angebot an (westlichen) Restaurants, Bars etc. ist gut.Dies liegt wohl auch an der großen Anzahl an NGOs, die in Phnom Penh tätig sind und eine große Anzahl an Ausländern in die Stadt bringen. Öffentliche Verkehrsmittel gibt es in Phnom Penh nicht. Hier muss man auf das Tuk-Tuk zurückgreifen.

Die politische Situation in Kambodscha ist seit den Wahlen im Juli vergangenen Jahres immer noch angespannt. Die Opposition hat der Regierung massiven Wahlbetrug vorgeworfen und boykottiert seit den Wahlen das Parlament. Zudem hat die Opposition zu Massendemonstrationen aufgerufen, denen sich zwischenzeitlich auch Arbeiter aus den Textilfabriken angeschlossen hatten. Um Unruhen zu vermeiden hatte die Polizei an mehreren Tagen im letzten Jahr weite Teile der Innenstadt abgesperrt, was unsere Bewegungsfreiheit eingeschränkt hat und auch dazu führte, dass an diesen Tagen nur sehr wenige Schüler zur Schule kommen konnten.Anfang des Jahres hat die Regierung dann das Versammlungsrecht fast vollständig eingeschränkt. Auch wenn die politische Lage in den letzten Monaten keine Auswirkungen auf unseren Alltag mehr hatte, bleibt der Konflikt zwischen Regierung und Opposition weiterhin ungelöst.

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